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Die Pfotenstube




Als ich noch ein Welpe war, unterhielt ich Dich mit meinen Posen und
 brachte Dich zum Lachen. Du nanntest mich Dein Kind, und trotz einer Anzahl
 durchgekauter Schuhe und so manchem abgeschlachteten Sofakissen wurde ich
 Dein bester Freund.
*
Immer wenn ich "böse" war, erhobst Du Deinen Finger und fragtest mich "Wie
 konntest Du nur?" - aber dann gabst Du nach und drehtest mich auf den
 Rücken, um mir den Bauch zu kraulen.
*
Mit meiner Stubenreinheit dauerte es ein bisschen länger als erwartet, denn
 Du warst furchtbar beschäftigt, aber zusammen bekamen wir das in den Griff.
 Ich erinnere mich an jene Nächte, in denen ich mich im Bett an Dich
 kuschelte und Du mir Deine Geheimnisse und Träume anvertrautest, und ich
 glaubte, das Leben könnte nicht schöner sein. Gemeinsam machten wir lange
 Spaziergänge im Park, drehten Runden mit dem Auto, holten uns Eis (ich
 bekam immer nur die Waffel, denn "Eiskrem ist schlecht für Hunde", sagtest
 Du), und ich döste stundenlang in der Sonne, während ich auf Deine
 abendliche Rückkehr wartete.
*
 Allmählich fingst Du an, mehr Zeit mit Arbeit und Deiner Karriere zu
 verbringen - und auch damit, Dir einen menschlichen Gefährten zu suchen.
 Ich wartete geduldig auf Dich, tröstete Dich über Liebeskummer und
 Enttäuschungen hinweg, tadelte Dich niemals wegen schlechter Entscheidungen
 und überschlug mich vor Freude, wenn Du heimkamst und als Du Dich
 verliebtest.
*
 Sie, jetzt Deine Frau, ist kein "Hundemensch" - trotzdem hieß ich sie in
 unserem Heim willkommen, versuchte ihr meine Zuneigung zu zeigen und
 gehorchte ihr. Ich war glücklich, weil Du glücklich warst. Dann kamen die
 Menschenbabys, und ich teilte Deine Aufregung darüber. Ich war fasziniert
 von ihrer rosa Haut und ihrem Geruch und wollte sie genauso bemuttern. Nur
 dass Du und Deine Frau Angst hattet, ich könnte ihnen wehtun, und so
 verbrachte ich die meiste Zeit verbannt in einem anderen Zimmer oder in
 meiner Hütte. Oh, wie sehr wollte auch ich sie lieben, aber ich wurde zu
 einem "Gefangenen der Liebe".
*
 Als sie aber größer waren, wurde ich ihr Freund. Sie krallten sich in
 meinem Fell fest, zogen sich daran hoch auf wackligen Beinchen, pieksten
 ihre Finger in meine Augen, inspizierten meine Ohren und gaben mir Küsse
 auf die Nase. Ich liebte alles an ihnen und ihre Berührung - denn Deine
 Berührung war jetzt so selten geworden - und ich hätte sie mit meinem Leben
 verteidigt, wenn es nötig gewesen wäre.
*
 Ich kroch heimlich in ihre Betten, hörte ihren Sorgen und Träumen zu, und
 gemeinsam warteten wir auf das Geräusch Deines Wagens in der Auffahrt. Es
 gab einmal eine Zeit, da zogst Du auf die Frage, ob Du einen Hund hättest,
 ein Foto von mir aus der Brieftasche und erzähltest Geschichten über mich.
 In den letzten Jahren hast Du nur noch mit "Ja" geantwortet und das Thema
 gewechselt. Ich hatte mich von "Deinem Hund" in "nur einen Hund"
 verwandelt, und jede Ausgabe für mich wurde Dir zum Dorn im Auge.
*
 Jetzt hast Du eine neue Berufsmöglichkeit in einer anderen Stadt, und Du
 und sie werdet in eine Wohnung ziehen, in der Haustiere nicht gestattet
 sind. Du hast die richtige Wahl für "Deine" Familie getroffen, aber es gab
 einmal eine Zeit, da war ich Deine einzige Familie.
*
 Ich freute mich über die Autofahrt, bis wir am Tierheim ankamen. Es roch
 nach Hunden und Katzen, nach Angst, nach Hoffnungslosigkeit. Du fülltest
 die Formulare aus und sagtest "Ich weiß, Sie werden ein gutes Zuhause für
 sie finden". Mit einem Achselzucken warfen sie Dir einen gequälten Blick
 zu. Sie wissen, was einen Hund oder eine Katze in "mittleren" Jahren
 erwartet - auch mit "Stammbaum". Du musstest Deinem Sohn jeden Finger
 einzeln vom Halsband lösen, als er schrie "Nein, Papa, bitte! Sie dürfen
 mir meinen Hund nicht wegnehmen!" Und ich machte mir Sorgen um ihn und um
 die Lektionen, die Du ihm gerade beigebracht hattest: über Freundschaft und
 Loyalität, über Liebe und Verantwortung, und über Respekt vor allem Leben.
 Zum Abschied hast Du mir den Kopf getätschelt, meine Augen vermieden und
 höflich auf das Halsband und die Leine verzichtet. Du hattest einen Termin
 einzuhalten, und nun habe ich auch einen.
*
  Nachdem Du fort warst, sagten die beiden netten Damen, Du hättest
 wahrscheinlich schon seit Monaten von dem bevorstehenden Umzug gewusst und
 nichts unternommen, um ein gutes Zuhause für mich zu finden. Sie
 schüttelten den Kopf und fragten "Wie konntest Du nur?".
*
  Sie kümmern sich um uns hier im Tierheim so gut es eben geht. Natürlich
 werden wir gefüttert, aber ich habe meinen Appetit schon vor Tagen
 verloren. Anfangs rannte ich immer vor ans Gitter, sobald jemand an meinen
 Käfig kam, in der Hoffnung, das seiest Du - dass Du Deine Meinung geändert
 hättest - dass all dies nur ein schlimmer Traum gewesen sei... oder ich
 hoffte, dass es zumindest jemand wäre, der Interesse an mir hätte und mich
 retten könnte. Als ich einsah, dass ich nichts aufzubieten hatte gegen das
 vergnügte "Um-Aufmerksamkeit-Heischen" unbeschwerter Welpen, ahnungslos
 gegenüber ihrem eigenen Schicksal, zog ich mich in eine ferne Ecke zurück
 und wartete.
*
 Ich hörte ihre Schritte als sie am Ende des Tages kam, um mich zu holen,
 und trottete hinter ihr her den Gang entlang zu einem abgelegenen Raum. Ein
 angenehm ruhiger Raum. Sie hob mich auf den Tisch und kraulte meine Ohren
 und sagte mir, es sei alles in Ordnung. Mein Herz pochte vor Aufregung, was
 jetzt wohl geschehen würde, aber da war auch ein Gefühl der Erleichterung.
 Für den Gefangenen der Liebe war die Zeit abgelaufen. Meiner Natur gemäß
 war ich aber eher um sie besorgt. Ihre Aufgabe lastet schwer auf ihr, und
 das fühlte ich, genauso wie ich jede Deiner Stimmungen erfühlen konnte.
*
 Behutsam legte sie den Stauschlauch an meiner Vorderpfote an, während eine
 Träne über ihre Wange floss. Ich leckte ihre Hand, um sie zu trösten,
 genauso wie ich Dich vor vielen Jahren getröstet hatte. Mit geübtem Griff
 führte sie die Nadel in meine Vene ein. Als ich den Einstich fühlte und
 spürte, wie die kühle Flüssigkeit durch meinen Körper lief, wurde ich
 schläfrig und legte mich hin, blickte in ihre gütigen Augen und flüsterte
 "Wie konntest Du nur?"
*
 Vielleicht verstand sie die Hundesprache und sagte deshalb "Es tut mir ja
 so leid". Sie umarmte mich und beeilte sich mir zu erklären, es sei ihre
 Aufgabe dafür zu sorgen, dass ich bald an einem besseren Ort wäre, wo ich
 weder ignoriert noch missbraucht noch ausgesetzt werden könnte oder auf
 mich alleine gestellt wäre - einem Ort der Liebe und des Lichts, vollkommen
 anders als dieser irdische Ort. Und mit meiner letzten Kraft versuchte ich
 ihr mit einem Klopfen meines Schwanzes zu verstehen zu geben, dass mein
 "Wie konntest Du nur?" nicht ihr galt. Du warst es, mein geliebtes
 Herrchen, an den ich dachte. Ich werde für immer an Dich denken und auf
 Dich warten.
*
 Möge Dir ein jeder in Deinem Leben so viel Loyalität zeigen.

 

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